Von Frank Käßner

An jedem Mittag gegen zwei Uhr beginnt ein seltsames Ritual im Zentrum Sevillas. Rollläden fallen scheppernd vor die Schaufenster, Türen werden abgeschlossen, unzählige Mopeds knattern durch die engen Straßen, um schließlich vor einem der vielen Restaurants oder Tapas-Bars abgestellt zu werden. Siesta. Mittagspause. Während in Geschäften und Büros die Arbeit ruht, herrscht nun bei den Wirten Hochbetrieb.

Auch die Krise macht Siesta

Mehrfach schon hat man versucht, den Spaniern europäische Pausen-Normen aufzuzwingen. Vergeblich. Zuletzt verhob sich daran der sozialdemokratische Regierungschef José Luis Rodriguez Zapatero. Der wurde 2011, im zarten Politiker-Alter von 51 Jahren, abgewählt. Ein Opfer der Wirtschafts- und Finanzkrise, die auf der iberischen Halbinsel allenthalben zu spüren ist. Jetzt aber, in der Mittagszeit, scheint auch sie zu pausieren.

Sevilla, mit gut 700 000 Einwohnern nach Madrid, Barcelona und Valencia die viertgrößte Stadt Spaniens, ist ein Industrie- und Handelszentrum, vor allem aber eine Touristenmetropole. Im Jahresmittel liegen die Temperaturen bei 18,6 Grad Celsius. Laut Statistik soll es 2898 Sonnenstunden geben und nur 65 Regentage. Mit anderen Worten: Wer nach Sevilla kommt, macht nichts falsch. Zumal Meer und Berge von hier aus leicht zu erreichen sind.

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Die Kathedrale von Sevilla überstrahlt alles

Doch wer schon braucht solche Ablenkung in freier Natur? Niemand, so scheint es, wenn man durch die Calle de Sierpes, Sevillas belebteste Straße, schlendert. In ihren Läden und Bars, Werkstätten und Restaurants gibt es alles. Terrassen laden zum Verweilen ein, jede Hast ist hier fehl am Platz. Irgendwann steht man vor dem Rathaus, erbaut im 16. Jahrhundert auf den Überresten eines Franziskaner-Klosters. Architektonisch eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Überstrahlt aber wird alles von der Kathedrale Sevillas. Sie thront auf maurischen Fundamenten. Einst stand hier die arabische Große Moschee. Heute ist sie die größte gotische Kirche der Welt. Und wer sie sich anschaut, sollte unbedingt den Sarkophag von Christoph Kolumbus bestaunen. Erst im Jahr 1902 wurde der geschaffen, Der Seeheld war da schon fast 400 Jahre tot. Doch wie es sich für einen Weltenentdecker gehört, ging er auch noch als Toter auf Reisen.

Gestorben 1506 in Valladolid, wurden seine Gebeine zunächst in Sevilla bestattet, 1596 aber nach Santo Domingo überführt, weitere zweihundert Jahre später vor den Franzosen nach Havanna in Sicherheit gebracht und wiederum einhundert Jahre später zurück nach Sevilla verschifft. Wie es heißt, wollte der Seefahrer eigentlich in Indien begraben sein, was er glaubte, entdeckt zu haben. Egal, die paar Knochen im Sarkophag seien tatsächlich von Kolumbus, versichert uns einer der vielen ehrenamtlichen Fremdenführer, die ihr Wissen für ein paar Euro anbieten.

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