Von Patrick Lindner

Neue Nationalgalerie, Berlin

Mies van der Rohes "lichter Tempel aus Glas"© PA/ dpa

Auf einer 105 mal 110 Meter breiten, hellgrauen und glatten Granitterrasse, die mit ihrer wuchtigen Masse das weiche Erdreich am Ufer des Berliner Landwehrkanals einebnet, ragt trutzig ein quadratischer Pavillon empor – drumherum kein Baum, keine Blumen, nur jede Menge Nichts. Die Neue Nationalgalerie. Der verantwortliche Architekt, Ludwig Mies van der Rohe, erhielt im Jahre 1962, damals war er 76 Jahre alt, den Auftrag, eine neue Bleibe für den zeitgenössischen Kunstvorrat West-Berlins zu bauen. Er schuf ein Konstrukt aus Glas und Stahl, das dem platten, kargen Grund entspringt und dessen dünne Streben und Glaswände, allesamt um 7,20 Meter zur Mitte hin eingerückt, die Last des massiven Stahldaches nicht (er-)tragen dürften. Die Rezeption nach Fertigstellung des Gebäudes war gespalten - erschien vielleicht auch daher passend für die Gegenwartskunst des 20. Jahrhunderts und den Standort Berlin.  

Die Neue Nationalgalerie als Teil des Ganzen

Als Nachfolger der eher behelfsmäßigen „Galerie des 20. Jahrhunderts“ mit ihren beiden Standorten in den West-Berliner Stadtteilen Charlottenburg und Tiergarten bildet die Neue Nationalgalerie zusammen mit der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel und vier weiteren Museen für bildende Kunst die Dachinstitution der „Nationalgalerie“. Der Ausstellungsraum des Pavillons teilt sich in zwei Ebenen auf. Der im Erdgeschoss gelegene Universalraum hat bis auf zwei Säulen, die der Entwässerung des Dachs und der Elektrik zu Schulden kommen und zwei Treppen, die ins Untergeschoss führen, keinerlei strukturelle Gliederung und wird daher favorisiert für Wanderausstellungen, wie z.B. dem gastierenden New Yorker MoMA in Berlin im Jahre 2004, genutzt.

Dauerausstellungen im Untergeschoss

Teppich Universalraum Neue Nationalgalerie, Berlin

Rudolf Stingel verwandelte 2010 den oberen Teil der Nationalgalerie mit seiner Installation "Teppich" in einen monochromen Teesalon.© PA/ Eventpress Herrmann

Im Untergeschoss hingegen befinden sich die Dauerausstellungen der Neuen Nationalgalerie. Die Liste der gezeigten Exponate und insbesondere ihrer Erschaffer liest sich wie das Glossar aus einem Kunstlexikon der Moderne bis Postmoderne: Pablo Picasso, Edvard Munch, Ernst Ludwig Kirchner, Max Beckmann, Otto Dix, Paul Klee, Francis Bacon, Ernst Wilhelm Nay, Frank Stella oder Gerhard Richter. Zuviel versprochen? Chronologisch gesehen knüpft die Neue Nationalgalerie an die Sammlung der Alten Nationalgalerie an. Bei ihr selbst endet der Bestand mit Werken des ausklingenden 20. Jahrhunderts von Roman Opalka, mit Ansätzen der Concept-Art, und Gerhard Richters post-modernen Malereien. Die Kunstwerke des neuen Jahrtausends werden im Museum für Gegenwart am Hamburger Bahnhof gezeigt. (Vorsicht: Dieser befindet sich trotz seines irreführenden Namens in Berlin.)

Standorttreu und kosmopolitisch

Jörg Immendorff, Male Lago - Unsichtbarer Beitrag, Neue Nationalgalerie, Berlin

Titellos: Dieses Werk stammt von Jörg Immendorff und wurde 2005 in der Neuen Nationalgalerie ausgestellt© PA/ SCHROEWIG/Eva Oertwig

Bei all den großen Weltnamen verliert die Neue Nationalgalerie oder der „lichte Tempel aus Glas“, wie ihn van der Rohe nannte, niemals den Bezug zu ihrem physischen Standort. Eines der frühesten Werke zum Thema Ort und Identität im Repertoire des Museums ist Ludwig Kirchners „Potsdamer Platz“ (1914) - ein Epochenbild des damals verkehrsreichsten Platzes in Europa, das schon im frühen 20. Jahrhundert urbane Kernthemen wie Anonymisierung und Konsumkultur vorausdeutete.

Wie wichtig die Geschichte eines Ortes für dessen Identität ist, vergegenwärtigen Ausstellungen der Kunst aus der ehemaligen DDR. Wie in keinem anderen öffentlichen Museumsraum werden hier Werke aus den Oeuvres namhafter DDR-Künstler wie Werner Tübke, aber auch der regimefernen „Berliner Schule“ um Harald Metzke zur Schau gestellt. Allesamt gedenken sie der besonderen Rolle der Kunst im sozialistischen Teil Deutschlands und hinterlassen mit Exponaten aus der Vorkriegszeit, des damaligen Westdeutschlands und der Wendejahre ein aufschlussreiches Abbild des bewegten 20. Jahrhunderts.

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Entdecker-Infos

Adresse: Potsdamer Straße 50 10785 Berlin
Telefon: 030 266 - 424242
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr., 10-18 Uhr, Do, 10-22 Uhr, Sa/So, 11-18 Uhr
Internet: www.smb.museum