Von Friederike Ostermeyer

Irgendwann zwischen Winter und Frühling fängt es an. Dann macht sie sich breit, diese Sehnsucht nach Ruhe, Weite, Einsamkeit. Einfach mal abschalten und raus aus dem Alltag. Draußen ist es nass und dreckig, die Temperaturen pendeln sich irgendwo bei 5 Grad ein. Es fühlt sich an, als ob der „innere Akku“ leer ist. Also, ab in den Süden, um für ein paar Tage innerlich und äußerlich aufzuwärmen?  Nein, in den Norden, genau da, wo jetzt kaum jemand ist ist. Zum Beispiel auf die Nordseeinsel Norderney. Denn hier sind sind sie, die leeren Strände, die weite Natur und eine Luft, die mit jedem Atemzug den Körper mit neuer Energie durchströmt.

Warum das Nordseeklima im Winter einzigartig ist

Es ist das Klima, das die Nordsee in der kalten Jahreszeit so einzigartig macht. Dann ist die ohnehin saubere Luft nahezu schadstofffrei und reich an Jod und Magnesium. Das Interessante: Genau diese Mischung wirkt wie ein Zwang, sich zu entschleunigen. Auf der Insel angekommen, fühlt man sich unendlich müde. Es ist einem nicht mehr möglich zu grübeln, die Gedanken werden langsamer. Man kann nicht anders als im Hier und Jetzt zu sein. Schließlich, nach zwei oder drei Tagen, hat sich der Körper daran gewöhnt, dann kommt eine frische Kraft zurück. Das Immunsystem ist gestärkt, man ist sofort glücklicher und unbeschwerter. Besonders Menschen, die zu Allergien neigen oder an Atemwegserkrankungen leiden, fühlen sich wie neu geboren.

Lange Strandspaziergänge

Im Sommer tummeln sich an manchen Tagen mehr als 50.000 Menschen auf der Insel Norderney, im Winter sind es vielleicht gerade mal um die 6500. Da kann es schon mal passieren, dass man ganz alleine am Strand ist oder durch die einzigartige Dünenlandschaft spaziert. Zu hören sind nur das Knirschen der Muschelschalen unter den Schuhen, das Meeresrauschen, das noch krafvoller als im Sommer klingt, das Schreien der Möwen. Zwei Drittel der Insel sind unbebaut, gehören zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und sind seit 2009 Unesco-Weltnaturerbe. Es ist wohl eine der wenigen Möglichkeiten, einmal mal nur ich sich selbst zu sein, sich mit den Lieblingsbüchern, Kakao und Decken zurückzuziehen und bei stürmischem Wind und Meeresrauschen den Alltagsstress auf dem Festland zu lassen. Das schönste ist: Es gibt keine Events, Konzerte, Partys oder andere Ablenkungen – es gibt nichts, das man verpasst.

Der Glanz aus alten Zeiten

Im Gegensatz zu den nordfriesischen Inseln wie Amrum oder Sylt gibt es hier keine windschiefen redbedeckten Friesenhäuschen. Was man hier findet, ist der alte Glanz der herrschaftlich mondänen wilhelminischen Bäderarchitektur. Weiße, verspielte Fassaden, Holzveranden dazu hübsch verzierte Türmchen und Erker. Man erwartet, dass in jedem Moment elegante Damen in langen weißen Kleidern und mit Spitzen besetzten Sonnenschirmchen um die Ecke flanieren. Die Bäderkultur hat hier eine lange Tradition und die heilende Wirkung der Luft ist schon seit Ende des 18. Jahrhunderts bekannt. Und so kam es, dass Norderney 1797 offiziell das erste deutsche Nordseebad wurde.

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