Von Roland Mischke

Sehenswürdigkeiten in Jerusalem: Jüdisches Viertel Nakhalat Shiva

Fußgängerzone im jüdischen Viertel Nakhalat Shiva© PA

Joel stülpt sich eine Kippa auf den Hinterkopf, gießt den Wein in winzige verzierte Metallbecher und verteilt ihn an seine Gäste. Ruth hat einen Korb mit Zopfbrot gebracht, das sie bricht und ihren Besuchern reicht. Dann fangen die Mittfünfziger an zu singen. Er leise und getragen, sie mit heller Stimme darüber. Das Lied erzählt, wie Gott die Erde in sechs Tagen geschaffen hat und am siebten Tag ruhte. Freitagabend, wenn der Sabbat anhebt, wird in Familien in Israel daran gedacht.

Todesschatten und Engel

Joel spricht den Kiddusch: "Auch wenn ich in der Schlucht des Todesschattens gehe, fürchte ich das Böse nicht, denn du bist mit mir. Du wirst mir den Tisch vor meinen Feinden richten." Dann nippen wir am Wein. Und Ruth erzählt von zwei Engeln, die sich jetzt auf jede Schulter gesetzt hätten, einer rechts, einer links. Wir essen Rindersuppe, die Joel aus einem heißen Topf mit der Kelle schöpft und jedem an seinen Platz bringt. "Enjoy!" Dann Salat, Kartoffeln, Hirse, Hammelfleisch, Geflügel und Zitronenkuchen - und dürfen uns dabei geschützt fühlen.

Ein grandioser Aussichtsplatz

Joel hat das Mahl in eigener Regie zubereitet. Ruth ist Gastgeberin, sie erläutert die Bilder an den Wänden der geräumigen Villa. Neben israelischen Malern auch ein Kunstwerk des US-Pinselstars Jasper Johns. Die Terrasse hat fast die Größe eines halben Fußballfeldes und ist im Westen Jerusalems, das auf 800 Meter Höhe liegt, an einen Hang gebaut. Der Blick umfasst das Westjordanland und einen Teil Ost-Jerusalems, überwiegend von Arabern bewohnt und seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 von Israel annektiert.

Die Vereinten Nationen haben nie anerkannt, dass der hebräische Staat Jerusalem mit seinem Wahrzeichen, dem Felsendom, zu seiner Hauptstadt machte, alle Botschaften residieren in Tel Aviv. Aber das ist an diesem angenehm entspannten Abend kein Thema auf dem grandiosen Aussichtsplatz in den judäischen Bergen.

Die untergegangene Sonne hinterlässt lange Schattenkonturen auf den kahlen Kalksteinhügeln, ein sanfter Wind streichelt hin und wieder unsere Gesichter. Insekten flattern über in Begonien versteckte Lampen und blinken in deren Strahlen auf. Scheinwerfer der Autos auf den Straßen rings um die Metropole dreier Weltreligionen zucken wie Signale durch die frühe Nacht. Und mehrmals kracht es, und bunte Feuerwerksgirlanden steigen in den Himmel auf. "Araber feiern am Freitag die meisten Hochzeiten", klärt Joel seine Besucher auf.

Dieser Artikel erschien im Original auf Hamburger Abendblatt

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