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Berghain: Die Welt bleibt draußen

Der Mythos scheint unsterblich.  Der Name klingt wie ein Versprechen, ohne genau zu sagen, was überhaupt versprochen wird. Junge Menschen, die Berlin besuchen, haben es wohl ganz oben auf der Erlebnis-Liste stehen: Das „Berghain“.

Berghain Berlin – Open End

Es ist jener Berliner Ort zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, der 2009 zum besten Club der Welt gekürt wurde. Heute gibt es viele neue beste Clubs der Welt, doch das Berghain hat es längst geschafft: In allen Ländern der Welt schwärmt man davon.

Während in London, New York und Paris die Clubs in den frühen Morgenstunden schließen, blickt man hellwach und wehmütig auf die Berliner Club-Szene. Ja, hier könnten wir noch weitertanzen. Das Berghain hat den Morgen abgeschafft.

Kommen wir rein?

Einst war es ein Heizkraftwerk, heute dient das Gebäude im Stil des Sozialistischen Neoklassizismus als Tempel und somit als Eingang in eine andere Realität. Nüchtern und schwer erhebt sich das Mauerwerk mit den schmalen Fenstern vor der großen Menschenschlange und es ist diese eine Frage, die fast greifbar über allen Köpfen schwebt: „Kommen wir rein?“.

Es heißt, es sei die härteste Tür zur Welt, die es zu durchschreiten gilt, vorbei an Sven Marquardt, dem bärtigen Wächter mit den vielen Piercings. Er sagte einmal in einem Interview, dass er bei den Menschen auf einen lebendigen Blick achte. Aber was ist das genau?

Strategien? Zwecklos

Während die Wartenden die vielen Abgewiesenen beobachten, die wieder umdrehen müssen und mit gesenkten Köpfen an der Schlange vorbeihuschen, werden Strategien besprochen: „Wir müssen möglichst gelassen gucken, als ob wir jedes Wochenende hier stehen würden“, sagt der eine. „Bloß nicht Englisch sprechen“, sagt ein Mädchen. „Wir müssen uns aufteilen“, heißt es an einer anderen Stelle der Schlange.

Vorne stehen Sven und seine Gehilfen und geben Handzeichen. Nach oben heißt rein, nach unten heißt raus. Keine Diskussion, aber ein sanftes Lächeln gibt es noch mit auf dem Weg. „Heute nicht“, sagen sie zu den drei Franzosen, fast väterlich. Das Tor zum "Himmelreich" bleibt für sie verschlossen.

Die beiden nächsten dürfen eintreten. „Ihr seid zu zweit?“ Nicken, Handzeichen. Die tausenden hoffenden, fragenden und angestrengten Blicke der vielen Menschen jede Nacht sind längst Routine geworden. Es scheint, als ob es den Türwächtern keineswegs um Machtgefühle geht. Sie wollen einfach nur selbst bestimmen, mit wem sie feiern. Ganz einfach, da gibt es keine Strategie.

Berghain Berlin – Traum einer Parallelwelt

Wer es hinein geschafft hat, lässt die Welt hinter sich. Keine Fotos, keine Spiegel, kein Alltag. Blaue Lichter tasten die 18 Meter hohen Wände ab, riesige Treppen führen in riesige Räume. Boxentürme, Nebel, Stahlträger. Der DJ dreht den Bass auf, alles schreit und tanzt.

Die Menschen, die hier sitzen, tanzen, reden, küssen, sind „da draußen“ Fotografen, Kühlschrankverkäufer, Bankangestellte, arbeiten im öffentlichen Dienst oder gar nicht. Doch im Berghain sind die einfach nur da. Das "Ich" und die Masse verschmelzen; und diese Atmosphäre ist es wohl, die so süchtig macht und die einen wiederkommen lässt.

Kein Glamour, kein Sehen und Gesehen werden, einfach nur sein. Weil dies im Alltag so schwer geworden ist und es nur noch zählt, was man macht, und keiner mehr wissen will, wie man ist, erscheint das hier wohl als ein Ort, an dem man sich fallen lassen kann. Das sagen jedenfalls die Clubgänger, wenn man sie fragt, warum sie hier sind.

Nur die Zeit, die fühlt man nicht

Durch eine weitere Treppe geht es in die Panoramabar, vorbei an kleinen Separèes und dunklen Ecken. Was dort passiert, passiert eben. Da schaut keiner hin. In der Panoramabar selbst ist es heller und freundlicher als im übrigen Berghain.

Der DJ blickt konzentriert auf sein Pult, das in schweren Ketten von der Decke hängt. Die Menschen blicken leicht entrückt nach oben und tanzen. Einige haben die Augen geschlossen, andere weit aufgerissen. Sie halten sich an Wasserflaschen oder Club Mate fest.

Hier ist jeder mit Fühlen beschäftigt. Man fühlt sich selbst, die Musik, sein Gegenüber. Nur die Zeit, die fühlt man nicht. Ab und zu öffnen sich die Jalousien und lassen Tageslicht rein, dann schließen sie sich wieder. Die Menge kreischt auf. Die Symbolkraft dahinter ist ebenso stark wie die Wirkung. 

Entblößte Geschlechtsteile als Kunstwerke

An den Wänden hängen Kunstwerke, über die schon viel geschrieben wurde. Während man in der „richtigen Welt“ pikiert, beschämt oder verlegen kichernd auf die überdimensionalen entblößten Geschlechtsteile blickt, gehört das hier einfach dazu, genauso wie Fetisch, Freizügigkeit und Wollust.

Wer danach sucht, wird es finden, wer nicht, wird davon nicht viel mitbekommen. Man sollte wissen, dass 60 Prozent der männlichen Gäste schwul sind, und für Schwule ist dieser Club auch gemacht. Auch die Toiletten sind unisex und für viele ein wichtiger Treffpunkt. Fragen stellen bringt nicht viel, es ist einfach so.

Vom Berghain Berlin zurück in die Gegenwart

„Wie spät ist es?“ – „Interessiert das wen?“ Nein, vermutlich die wenigsten. Es kann Sonntagnachmittag sein, Samstagmorgen oder Freitagnacht.  Doch schließlich sind es die Gesichter, die die Rolle der Uhren übernommen haben.

Blass, müde und augenringig geht es irgendwann Richtung Garderobe. Hier hängt auch die riesige abstrakte Wandgrafik des Künstlers Piotr Nathan. Es trägt den Titel „Rituale des Verschwindens“, und während man auf seine Jacke wartet, versteht man plötzlich.

Einige haben dieses verzückte Lächeln im Gesicht, andere blicken hohlwangig vor sich hin. Das Berghain verzaubert, erschöpft und fordert zugleich und wieder draußen bricht die Realität mit voller Wucht auf einen ein. „Das muss man zulassen können“, sagen die Stammgäste. „Das ist die wichtigste Regel, sonst hält man das nicht lange aus und geht daran kaputt.“

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Hier finden Sie weitere Reisetipps für Berlin

Entdecker-Infos

Homepage | www.berghain.de

Adresse | Am Wriezener Bahnhof 1, 10243 Berlin

Eintritt | 12 bis 14 Euro

Getränke | Bier 3 Euro, Wasser 2,50 Euro

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