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Mississippi unter Dampf

Plötzlich ist da dieses Gedudel. Ein Klimpern wie auf dem Jahrmarkt. Irgendetwas zwischen Leierkasten und piepsenden Orgelpfeifen sagt den Leuten an Land: Das Dampfschiff kommt! Sie wollen die Ersten sein, die am Fluss sitzen und sehen, wie der Koloss um die Biegung schnauft. Wie zu Zeiten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, den Abenteurern aus dem Klassiker von Mark Twain, der selbst als Mississippi-Schiffer unterwegs gewesen war. Und jetzt ist es wieder so.

Die Königin von Amerika

Seit im April dieses Jahres die "American Queen" ihren Dienst wieder aufgenommen hat, ist nicht nur der legendäre Schaufelraddampfer zurück auf den Mississippi gekehrt, sondern mit ihm auch das Gefühl einer längst verloren geglaubten Ära. Wo immer die "American Queen" anlegt, stehen die Anwohner am Landesteg, wedeln und winken, und die Passagiere auf den Decks winken zurück, nicht minder verzückt. Die Königin der Schaufelraddampfer ist auch tatsächlich eine Schönheit mit ihren beiden schwarzen Kaminen, den weißen Balkonen und verzierten Säulen – und natürlich mit dem feuerroten Schaufelrad.

Wie vor 200 Jahren ist es auch heute wieder die Dampforgel an Bord, die das Jahrmarktklimpern erzeugt. Allerdings setzt sich Phil Westbrook, der Bordpianist, erst dann an das Keyboard auf dem Achterdeck, wenn das Schiff schon wieder bereit ist abzulegen: Mit ein paar launigen Liedern ruft er die Passagiere vom Landgang zurück auf den Schaufelraddampfer – pünktlich eine Stunde vor Abfahrt. Phil drückt ein paar Tasten, und hoch oben erklingen die Pfeifen, mit dem gleichen Wasserdampf betrieben, der auch das große Schaufelrad bewegt.

Der Mythos lebt wieder – und ist größer denn je

Seit acht Monaten durchpflügt dieses Schaufelrad nun erneut die Fluten des Mississippi und seiner Nebenflüsse. Nach mehrjähriger Pause gibt es wieder klassische Kreuzfahrten mit einem Schaufelraddampfer auf dem berühmten Fluss in den USA. Kein anderer Schiffstyp steht, romantisch verklärt, für den Mythos des legendären "Ol' Man River" und Tom-Sawyer-Abenteuergeschichten: der Schaufelraddampfer, gemächlich, gemütlich. Viele Jahre jedoch hatten Reisende vergebens nach den legendären großen Oldtimern der Flüsse Ausschau gehalten – nach Konkursen mehrerer Reedereien waren die letzten großen Dampfer stillgelegt worden. Es gibt nur noch ein paar kleine Raddampfer, die regelmäßig auf dem Mississippi fahren, aber nur für Ausflüge und Kurzstrecken.

Jetzt ist das Flaggschiff der Mississippiflotte nach langer Zeit wieder der erste Schaufelraddampfer, der mehrtägige Flussreisen anbietet, und obendrein der größte, der je gebaut wurde. Mit einer Länge von 127 Metern und 27 Meter Breite bietet er Platz für gut 400 Passagiere, die – wie einst Tom Sawyer und Huckleberry Finn – nur eines wollen: echtes Mississippi-Feeling.

Keine Dauer-Unterhaltung

Einmal an Bord, ist man gefangen vom Flair des alten Südens. Salons und Kabinen glänzen durch dunkles Mobiliar und samtbezogene Fauteuils, Kronleuchter und golden gerahmte Spiegel, üppige Teppiche und Tapeten mit Blümchen und Bordüren. Schiffsstewards in schicker Livree servieren Champagnerflaschen in silbernen Eiskübeln. An Deck wiegen sich Passagiere in schneeweißen Schaukelstühlen. Auf Dauer-Unterhaltung hat man auf der "American Queen" bewusst verzichtet.

Auf dem Programm stehen – neben Filmen und Bingo – vor allem Vorträge rund um die Südstaaten und den berühmten Fluss. Es ist erholsam, sich stundenlang auf dem Sonnendeck in weißen Schaukelstühlen zu wiegen und aufs Wasser zu schauen, nur um irgendwann weiterzuziehen zu einem Cocktail in der "Engine Bar" – begleitet von Jazz- und Country-Musik. Vor den Bullaugen hinter der Bühne dreht sich das Schaufelrad, immer gleich, ohne Pause, geradezu hypnotisierend.

Ein Schiff wie ein Lift

Von der "Engine Bar" führt eine Treppe hinunter in den Maschinenraum, Besucher sind willkommen. Unten dampft und zischt es, zwei gigantische Kolben bewegen sich im Wechsel, das Schaufelrad schleudert der Sonne glitzernde Wassertropfen entgegen. Robin Jimenez, die 25-jährige Schiffsingenieurin, steht im Blaumann vor einer Wand mit Schaltern und Hebeln. Sie ist dafür verantwortlich, dass Maschinen und Schaufelrad rund laufen. "Darüber hat der Käpt'n oben auf der Brücke keine Kontrolle", erklärt sie. "Er kann nur die Glocke läuten und mir sagen, welche Geschwindigkeit er will. Das Tempo mache ich hier unten. Aber natürlich hat der Kapitän das letzte Wort."

Wo der Herr des Schaufelraddampfers sitzt, erfahren die Passagiere bei einer Exkursion auf die Kommandobrücke. Jerry Hay, der sogenannte "Riverlorian", also gleichzeitig Experte in Sachen Fluss – und begeisterter Geschichtenerzähler, erklärt jedes einzelne Knöpfchen und Lämpchen, die Funktion der Instrumente, Radar und Sicherheitssysteme, Antrieb und Steuerung: "Etwa zwei Drittel der Kraft holt das Schiff aus den Dampfmaschinen und dem Schaufelrad. Zum Manövrieren in Häfen und schwierigen Gefilden gibt es auch noch zwei Propellerschrauben." Technisch besonders raffiniert: "Wenn wir uns einer niedrigen Brücke nähern, senkt sich das gesamte Steuerhaus ab wie ein Lift", erklärt Jerry. Auch die beiden Schornsteine verschwinden immer wieder aus dem Sichtfeld. Sobald eine Brücke naht, senken sich die schwarzen Schlote fast geräuschlos nach vorne ab und bleiben in zwei riesigen Metallgabeln liegen, bis Gegengewichte sie hinter der Brücke wieder aufrichten.

Sieben Tage zwischen Cincinnati und Memphis

Wenn zwischendurch weder technische Raffinessen noch spannende Vorträge die Aufmerksamkeit fesseln, bleibt viel Zeit für Müßiggang. Sieben Tage sind wir unterwegs zwischen Cincinnati und Memphis, 600 Meilen auf dem Ohio River und dem Unterlauf des Mississippi. Fast unmerklich fließen die Tage dahin. Einfach stundenlang auf dem Balkon vor der Kabine zu sitzen, über die Reling schauen und sich von Ol' Man River einlullen zu lassen, der still und träge vorbeirollt. Ab und zu kreuzt ein Lastkahn, hier und da winken ein paar Kinder vom Ufer herüber. Und immer mal wieder versammelt sich eine komplette Frachtschiff-Besatzung an Deck ihres Kahns, um der "American Queen" ihre Reverenz zu erweisen.

Auch wenn von den vielen Routen der Abschnitt zwischen Memphis und New Orleans immer am schnellsten ausgebucht ist: Die landschaftlich reizvollste Strecke ist für Jerry Hay auf jeden Fall der Abschnitt nördlich von Memphis. Der Mississippi mäandert hier in tausend Schleifen und Biegungen dem Meer entgegen, am Ufer gesäumt von Wäldern. "Häufig sehen wir Hirsche durch den Fluss schwimmen", erzählt Jay, auch sieht man viele Adler und Graureiher. Der eine oder andere Landgang gehört ebenfalls zu der Schiffsreise.

Hayride gefällig?

In New Madrid, Missouri, nimmt ein pensionierter Staatsanwalt mit weißem Bart und Baseballmütze die Kreuzfahrer mit auf einen "hayride", eine Tour auf dem Anhänger eines Traktors. Die Passagiere zuckeln auf Heuballen durch das Provinzstädtchen, hören Geschichten über den Mississippi und das Leben am großen Fluss. In Paducah, Kentucky, ist im ältesten Gebäude der Stadt das River Heritage Museum untergebracht. Das Dorfmuseum zeigt Dampfschiffmodelle, und in einem Schiffssimulator kann man einen Lastkahn oder einen Schaufelraddampfer steuern.

Nach der Tour wird an Bord wieder aufgetischt. Hummer mit Krabbenfüllung steht ebenso auf der Karte wie Schinkenbraten in Coca-Cola-Soße und danach Brotpudding mit Pekannüssen, Feigen und Zuckerrohrsirup. Da muss man durch.

Am Abend geht es ins Bordtheater. Das Programm im Grand Saloon ist typisch amerikanisch – ein Elvis-Imitator haucht mit täuschend echter Stimme sein "Love me tender" in das Mikrophon. Nach der Show sitzen noch ein paar unverbesserliche Romantiker auf dem Balkon der "Engine Bar". Sie gönnen sich einen letzten Tennessee-Whiskey, sehen im Licht des Mondes schemenhaft das Ufer vorbeiziehen und spüren die Gischt, die der Wind vom sich unermüdlich drehenden Schaufelrad herüberschickt.

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