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Ein bayerisches Dorf mitten in Amerika

Ich kann es eigentlich gar nicht glauben. Das ist völlig surreal. Ich sitze über zehn Stunden in einem Flugzeug, fliege 7700 Kilometer von München weg, in ein anderes Land auf einem anderen Kontinent – und sehe genau das Gleiche wie zuhause. Ich stehe mitten im Dorf und gucke auf Straßenschilder, auf denen „Tannenweg“ steht, Fachwerkhäuser mit senkrechten und waagerechten Streben aus Holz, Dreiecksgiebeln und Türmchen auf den Dächern. Überall hängen bayerische Flaggen in weiß und blau, es gibt Souvenir-Shops mit Bierkrügen und aus jedem Lautsprecher kommt Volksmusik. Ich bin in Helen, Georgia, in den Vereinigten Staaten von Amerika – und hier sieht auf den ersten Blick alles aus wie in Bayern.

Helen – bayerisches Lebensgefühl in Georgia

Helen war einmal ein ganz normales Dorf, bekannt für seine Orbit-Kaugummi-Manufaktur, aber sonst nur ein Ort, durch den die Passanten durchgefahren sind, um zu ihren eigentlichen Ziel zu kommen – den Bergen. 1968 überlegten die Anwohner, was Helen attraktiver machen könnte. Der Maler John Kollock hatte seine Militärzeit in Bayern verbracht und kam auf die Idee, den Gebäuden einen alpinen Look zu geben, der zu den Bergen passt. Ein Jahr später setzte man Kollocks Idee um, baute Giebel auf die Dächer, bemalte die Häuser mit Bergkulissen und eröffnete alpine Geschäfte und Galerien. Es wurde eine „Bergland“ Shopping Mall gebaut, eine Süßigkeitenladen namens „Hänsel und Gretel“ und Hofer's Bakery mit „German Food“. Das einzigartige Dorf sollte die Leute nicht zum Durchfahren, sondern zumVerweilen anregen. Der Plan funktionierte. Jedes Jahr kommen mittlerweile 1,2 Millionen Besucher nach Helen.

German-Polka-CDs und Kuckucksuhren

Nachdem ich mir die Schwarzwälder Kirschtorte und die Gelbwurst in der Theke des Lebensmittelgeschäft angeschaut habe, will ich auch wissen, was man in den ganzen Souvenir-Shops bekommt. Da tummeln sich Räuchermännchen aus dem Erzgebirge neben German-Polka-Party-CDs und Trachtenmode mit viel Rüschen und Stickereien. Dazu liegen gehäkelte Tischdecken aus und Kuckucksuhren in den verschiedensten Größen und Formen hängen an der Wand. Neben Lederhosen sind sie ein Verkaufsschlager. 21 Stück werden im Durchschnitt in einer Oktoberfestwoche verkauft und die gehen zwischen 400 und 4000 Dollar über die Ladentheke, verrät mir ein Verkäufer.

Berühmtes Oktoberfest

Neben Fachwerkhäusern, einem Hofbräuhaus und einer Almkapelle, in der sich verliebte Bergfans trauen lassen können, braucht ein quasi-bayerisches Dorf auch ein zünftiges Oktoberfest. Ganz so wie in München – nur aufs Hofbräuhaus muss man in Helen verzichten. Dafür ist das Oktoberfest in Helen nicht nur das längste, sondern laut „ABC News“ auch eines der acht besten der USA.

Dieses Jahr feiert Helen sein 42. Oktoberfest. Es gibt Bier und Brezeln und eine Band aus Florida spielt deutsche Oktoberfesthits vom Fliegerlied bis hin zu „Herzilein“ von den Wildecker Herzbuben. Aber trotzdem kann man nicht vergessen, dass man in Amerika und nicht in Bayern ist. Vielleicht liegt es an den Plastikbechern, in denen man das Bier serviert bekommt oder an der Bratwurst, die man in ein Hotdog-Brötchen steckt. Aber sie geben sich Mühe und sie interpretieren das Oktoberfest eben neu, auf ihre ganz eigene, amerikanische Art und Weise. Aber ich muss zugeben: Ich habe mich selten so gut auf einem Festival unterhalten gefühlt wie von der Alpin Express Band aus Florida hier auf dem Oktoberfest in Helen. Es wird getanzt, es wird gelacht und sich des Lebens gefreut. Die Freude muss echt sein, das ist das Wichtigste. Dann ist jedes Oktoberfest gut, egal auf welchem Kontinent.

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Autorin Christine Neder: 40 Festivals in 40 Wochen

Die Autorin Christine Neder hat die Erfahrungen ihres ersten Projektes im Buch  "90 Nächte 90 Betten" niedergeschrieben. Gerade ist die Fortsetzung erschienen: 40 Festivals in 40 Wochen. Bei myEntdecker schreibt sie persönliche Erlebnisse ihrer Reisen durch die Welt auf. Wer mehr über die Autorin und ihre Reiseerlebnisse erfahren will, findet dies bei Facebook oder im Blog von Christine Neder.

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