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Auf Wallanders Spuren

Wenn die Dämmerung über Ystad hereinbricht, öffnet sich dem Fremden eine geheimnisvolle Puppenstadt. Romantisch erhellen Laternen die niedrigen Häuser in den schmalen Gassen. Rosen und Malven stehen schmückend davor. Überall kann man in erleuchtete Stuben sehen. Vorhänge, wenn es sie denn gibt, sind Zierde. Das Licht drinnen, die Gemütlichkeit – ist das nicht wie früher, als das Leben noch gut und sicher war?

Sicher? In eben dieser kleinen Hafenstadt an der Südküste Schwedens läßt der schwedische Autor Henning Mankell seinen Kriminalkommissar Kurt Wallander agieren. Und weil die deutschsprachige Wallander-Fangemeinde wächst, hat Ystads Touristbüro einen Führer aufgelegt, mit dessen Hilfe man die „Schauplätze“ aus den Romanen und Filmen auf eigene Faust erkunden kann.

Auf Städtetour durch Ystad

Vom Stortorget, dem Marktplatz, geht es zu Wallanders Wohnung in der Mariagatan. In den Verfilmungen ist das echte Wohnhaus durch ein repräsentatives Fachwerkhaus in der Västra Vallgatan ausgetauscht, aber auch dieses erlebt man live. Man lernt das Polishuset, das Polizeihauptquartier und Wallanders zweites Zuhause, kennen. „Foffos Pizzeria“ gehört zu seinen Lieblingsrestaurants – wie könnte es anders sein, der Übergewichtige und an Diabetes Leidende stopft sich oft mit Fast Food voll.
Hier beginnt in „Die Brandmauer“ eine Taxifahrt, die mit einem Mord endet. In „Fridolfs Konditori“ trinkt der Kommissar des öfteren Kaffee oder Bier. Und im schicken Jugendstil-Hotel „Continental“ kehrt er ab und an zum Mittagessen ein. In „Mittsommermord“ wird das Hotel Mittelpunkt eines polizeilichen Großeinsatzes.

Der Spurensucher kommt durch die Liregatan, wo der Mörder in „Die fünfte Frau“ lebt, durch die Harmonigatan, wo in Haus Numero 18 der sich gern als Frau gebende Serienmörder Ake Larstam in „Mittsommermord“ zu Hause ist, durch Lilla Norregatan, wo Wallanders geschätzter Kollege Karl Evert Svedberg mit zerschossenem Gesicht in seiner Wohnung aufgefunden wird.
In einem gelben Haus in der Sjömansgatan liegt die Kanzlei von Sten und Gustaf Torstensson. Sie spielt in „Der Mann, der lächelte“ mit – hier nämlich wird Sten getötet. Das „Hotel Sekelgarden“, ein Anwesen aus Backstein von 1793, das in „Die fünfte Frau“ und „Hunde von Riga“ eine Rolle spielt, wird besichtigt, danach der eine oder andere Ort in der Umgebung.

Strandkulisse und Mittelalter

An Mossbystrand treibt das Rettungsboot mit den zwei toten Männern in „Hunde von Riga“ an Land, in Nybrostrand erschießt Wallander Rykoff in „Die weiße Löwin“. Das Brautpaar, das an seinem Hochzeitstag samt Fotograf von Ake Larstam brutal ermordet wird („Mittsommermord“), hatte die ursprünglich als Fotomotiv gewählten Alesteine, weil zu touristisch, mit Nybrostrand getauscht.
Ystads Sandskog ist Kulisse für den Mord am früheren schwedischen Justizminister Gustaf Wetterstedt in „Die falsche Fährte“.

Das mittelalterliche Ystad hat sein Antlitz bewahrt. Selbst mit einem Stadtplan von 1753 fände man sich zurecht, findet das Touristbüro am Sankt Knuts torg. Selbiges ist ebenfalls Schauplatz.
Hier nämlich mietet Rykoff in „Die weiße Löwin“ ein Haus als Versteck für Victor Mabashas Ersatzmann. Über 300 der alten Fachwerkhäuser von Ystad sind restauriert. An mittelalterliche Tradition knüpft auch der Turmbläser an, der Abend für Abend ab 21 Uhr jede Viertelstunde vom Turm der Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert in sein kupfernes Horn bläst und über das Städtchen wacht. Das Graubrüderkloster (ehemals hießen die Franziskaner Graubrüder) aus dem Jahre 1267 wurde vor dem Abriß bewahrt und beherbergt ein Museum. Es erzählt von der 6000jährigen Stadtgeschichte.

In den historischen Gebäuden haben sich Kunsthandwerker und Maler eingerichtet: Das Licht in Ystad sei ein besonderes und ähnele dem des dänischen Skagen wie dem der Provence. Alte Keller wurden zu Restaurants, Terrassencafés locken Frischluft-Fans an. Es sei denn, diese ziehen den 40 Kilometer langen Sandstrand vor. Zum Kaffee kosten muß man Spettekakan, den typisch schonischen Spießkuchen, bestehend aus Eiern, Zucker und Kartoffelmehl. Er wird zu allen Anlässen gereicht.
Vom Hafen gibt es Fährverbindungen ins polnische Danzig und auf die dänische Insel Bornholm. Bis 1658 gehörte Schwedens Süden zu Dänemark, und noch heute fühlen sich viele der Bewohner Dänemark verbunden.

Von der West- bis zur Ostküste

Die Umgebung ist reich an Schlössern, die ihr dänisches Erbe nicht verhehlen. Will man alle in Mankells Romanen erwähnten Orte – Brösarp, Höganäs, Simrishamn in der Region Österlen – aufsuchen, lernt man Schonen, wie eine Halbinsel auf drei Seiten meerumflossen, gut kennen und kommt an der Westküste hinauf bis Helsingborg.
Ein erster Stopp gilt Malmö, der zur Zeit der Hanse von Deutschen gegründeten drittgrößten Stadt Schwedens. Von hier kam Wallander nach Ystad. Unbedingt ansehen sollte man sich auch Lund, eine der ältesten Städte Schwedens, die Wallander zum Besuch seiner Tochter aufsucht. Gewaltig der Sandstein-Dom, eingeweiht im Jahr 1145, mit dem riesigen Doppelturm und dem Spiel der astronomischen Uhr im Innern. Prächtig wie ein Schloß zeigt sich die weitläufige Universität von 1666.
Kristianstad an der Ostküste ist auf trockengelegtem Meeresboden erbaut und lädt zu ausgedehnten Kanu- und Bootsfahrten in sein wasserreiches Naturreservat. Etwa zwei Autostunden kann man für den Weg von der West- zur Ostküste rechnen.

Ein kleiner See und tonnenschwere Steine

Oft nimmt sich Wallander eine Auszeit auf dem Pferdehof seines Freundes Sten Widen in der Nähe der Schloßruine Stjärnsunds borgruin bei Svaneholm. Am Krageholmsjön, einem von vier kleinen Seen nördlich von Ystad, trifft die Maklerin Louise Akerblom in „Die weiße Löwin“ auf ihren Mörder. Und im See wird Eugen Blomberg in „Die fünfte Frau“ ertrunken aufgefunden.

Auf dem Weg von Ystad nach Löderup, wo Wallanders Vater in einem abgeschiedenen schonischen Langhaus wohnt, sollte man beim Fischerdorf Kaseberga die Alesteine besichtigen. 58 Steine, jeder vier bis fünf Tonnen schwer, formieren sich zu einem 67 Meter langen Schiff. Das tausend Jahre alte Megalithgrab eines verdienten Wikingers, ein schwedisches Stonehenge? Die Wissenschaftler rätseln noch. Was soll’s, Tausende Ausflügler pilgern den Hügel hinan, nicht zuletzt wegen der herrlichen Aussicht aufs Meer.

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