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Lieblingsorte in New York

Thomas Roth lebte und arbeitete von 2008 bis Sommer 2013 in New York. Was ihn an dieser Stadt begeistert, ist die Viefalt: die verschiedenen Kulturen, Kunst, Restaurants, Musik oder Gottesdienste. 

Von Moskau nach New York

Die Stationen seiner Karriere lesen sich wie Drehorte eines James-Bond-Films: Johannesburg, Moskau, New York. Überall glänzte ARD-Korrespondent Thomas Roth mit eindringlichen Berichten und Reportagen. Unvergessen: sein "Russisches Tagebuch". Im November 2008 wagte der preisgekrönte Journalist den Wechsel von Ost nach West, ging aus Russlands Hauptstadt nach New York, wo er das ARD-Studio leitete, bis er im Sommer 2013 die Nachfolge von Tom Buhrow als "Tagesthemen"-Moderator antrat.

Roth tauschte während seiner New-York-Zeit Borschtsch gegen Burger, den Roten Platz gegen das Rockefeller Center. Er berichtet vom ersten halben Jahr in der aufregendsten City der Welt, seinen Lieblingsplätzen – und seiner Ankunft kurz vor der Präsidentenwahl, als die Stadt im Obama-Fieber war. Hier seine Eindrücke.

"Hey Maaaaann", brüllt der schwarze Taxifahrer mir zu, "wenn die uns bescheißen bei der Wahl, dann geht hier aber die Post ab!" Der Mann ist ein Riese von zweieinhalb Zentnern und trägt ein Kapuzenshirt. Zu meinem Schrecken steuert er sein gelbes Taxi wie einen Ferrari durch den dichten Verkehr vom New Yorker Flughafen Newark in Richtung Manhattan. Dann tritt er plötzlich auf die Bremse und dreht sich zu mir um: "Ich komme aus Harlem, und wenn Obama nicht Präsident wird, dann haben die uns bei der Wahl betrogen", ruft er. Dabei rollt er fürchterlich mit den Augen. Und ab geht es wieder mit Vollgas. Am Horizont zeichnet sich schon das Empire State Building ab.

Harlem

Also Harlem. Einmal am späten Nachmittag die 125. Straße auf und ab schlendern: vorbei an den Klamottenläden, in denen es alles gibt von der klassischen Rapperkluft bis zum "African Outfit", das aussieht wie Stammeskleidung aus Nigeria. Zu fett essen in "Sylvia's Café". Vorbei am legendären Apollo Theater, der Wiege der schwarzen Musik, wo Michael Jackson als Neunjähriger die berühmte "Nacht der Amateure" gewann, die heute wieder jeden Mittwoch stattfindet. Oder ein Gottesdienst in der Central Baptist Church am Sonntagmorgen. Diese Mischung aus feurig-bedrohlicher Bergpredigt und Soulkonzert: "Let's sing and praise the Lord!" Was mich an New York begeistert? Die Vielfalt. New York ist nicht eine Welt, sondern unzählige verschiedene Welten. Wer einmal mit der U-Bahn-Linie 6 Manhattan durchquert und seine Mitfahrer studiert, entdeckt garantiert mindestens 20 Kulturen und jede Menge Sprachen. Fast jeder Musiker in den endlosen Gängen der U-Bahn könnte locker in einem deutschen Konzertsaal auftreten. Hier spielen sie für eine Handvoll Dollar – und hoffen, entdeckt zu werden.

Erst Picasso, dann Park

Muss ich über Kunst reden? Vielleicht nur so viel. Ich wohne an der Upper East Side, nicht allzu weit vom Central Park entfernt. Dort gibt es die sogenannte Museumsmeile. Vor dem Inlineskaten im Park schaue ich oft noch rasch in einem der Museen vorbei. Alle großen Ausstellungen kommen irgendwann hierher. Nicht zu vergessen die Galerien unten in Soho. Das genieße ich. Neulich fragte mich jemand, ob ich schon ein Lieblingsrestaurant hätte. "Nein", sagte ich. Aber das stimmte nicht ganz. Ich gehe gern zu dem Italiener bei mir um die Ecke, der "Tiramisu" heißt, aber (natürlich) von Mexikanern betrieben wird, die "gracias" sagen statt "grazie".

Ansonsten lasse ich mich meistens treiben in der Gegend rund um den Washington Square am südlichen Ende der 5th Avenue. Wegen der Musiker dort, der Schachspieler und der vielen Restaurants rund um die MacDougal Street. Klar, New York hat Wunden. Die größte ist nach wie vor Ground Zero – noch auf Jahre eine riesige Baustelle. Und eine tiefe Wunde in der Seele New Yorks, die vielleicht nie heilen wird. Jener furchtbare 11. September hat auch nach acht Jahren noch ein verstörendes Nachbeben in den Herzen vieler New Yorker, egal welcher Herkunft. Vom jüngsten Börsencrash an der Wall Street will ich gar nicht reden, auch wenn sie sich gerade zu erholen scheint. Auch nicht von den Suppenküchen in Manhattan. Die Stadt ist schnell und hart.

Habe ich in New York noch Heimweh nach Russland? Manchmal. Wenn es aufkommt, fahre ich mit der U-Bahn hinaus nach Brighton Beach ans Meer. Dort leben rund 40.000 Menschen aus der früheren Sowjetunion. Russische Zeitungen, russische Läden, russischer Wodka. Im Restaurant "Tatiana" an der Strandpromenade esse ich Borschtsch, plaudere ein wenig und schaue den Schachspielern zu. "Hey", sagte neulich einer, "Sie kommen aus Litauen?" Ich frage: "Wieso?" Antwort: "Weil Sie so einen Akzent haben!" Ich gestehe, dass ich Deutscher bin. "Wieso sprechen Sie dann Russisch?" Ich fange an zu erzählen, und wir reden miteinander, während hinter Brooklyn die Sonne versinkt. Aber da beginnt bereits eine andere Geschichte.

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